Neulich habe ich gelernt, dass ich alles sein kann.
Unaufhaltsam leistungsfähig – dank der richtigen Binde.
Souverän im Meeting – mit perfekt gestylten Haaren.
Tiefenentspannt trotz Weltschmerz – falls nötig mit pflanzlicher Unterstützung.
Ich bin stark. Ich bin sensibel. Ich bin multitaskingfähig. Und wenn ich es nicht bin, gibt es offenbar ein Produkt dafür.
Was ich selten bin: einfach nur ich.
In der Werbung ist die moderne Frau eine Mischung aus Superheldin und Therapiefall. Sie joggt im Morgengrauen, pitcht am Nachmittag und lächelt am Abend in eine Küche, die aussieht wie ein Showroom. Wenn sie zweifelt, greift sie nicht zum Telefon, sondern zu etwas Beruhigendem. Wenn sie sich belohnen will, dann bitte kontrolliert: zwei Stück dunkle Schokolade mit 85 Prozent Kakao – weil Selbstfürsorge inzwischen auch diszipliniert sein muss.
Ich hingegen esse manchmal drei Lindor-Kugeln hintereinander. Oder eine Yogurette, die offiziell „leicht“ ist, aber inoffiziell einfach Schokolade bleibt. Nicht aus Trotz. Sondern weil ich Lust darauf habe.
Ich erkenne mich in der Dauerinszenierung nicht wieder.
Ich bin nicht immer stark.
Ich bin nicht immer gelassen.
Und ich bin ganz sicher nicht rund um die Uhr optimiert.
Was mich irritiert, ist die Gleichzeitigkeit von Hochglanz-Empowerment und sanfter Medikation. Als müsse ich entweder glänzen – oder mich regulieren.
Vielleicht ist Selbstbewusstsein weniger spektakulär. Vielleicht besteht es darin, sich nicht permanent erklären zu müssen. Nicht die Schönste, die Stärkste, die Ausgeglichenste zu sein.
Sondern unterwegs.
In Kalifornien.
Oder woanders.
Mit offenen Haaren im Fahrtwind.
Mit Zweifeln.
Mit Humor.
Und manchmal mit Schokolade.
Ohne Hashtag.
Das bin ich.
